Das auch Männer mal ihre "Tage" haben hielt ich immer für eine Mär, ein Gerücht unzufriedener Paare, wo auch er mal einen triftigen, unexpliziten Grund sucht, schlechte Laune zu haben. Aber mit zunehmendem Alter und den ganzen Kleinigkeiten drumherum, stelle ich immer öfter fest, daß das mit den "Tagen" einfach so ist. Man fühlt sich unwohl in seiner Haut. Ein Gefühl, daß sich wohl am besten mit "innere Unsicherheit gegenüber der Aussenwelt" umschreiben läßt.

Kleinigkeiten wie der sonst völlig unerhebliche Bartschatten (wahlweise auch ungepflegter Mehrtagebart), die einfach schlecht aussehende Frisur, die Ränder unter den Augen, das knitttrige T-Shirt, der schaale Geschmack im Mund, der vermeintliche Bauchansatz (der eigentlich nur Autosuggestion ist) mutieren zu überdimensionierten Gründen, sich selbst einfach nicht der Aussenwelt offenbaren zu können. Zu wollen. "Low profile" im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Abhilfe läßt auf ein gehöriges Maß an weiblichen Hormonen schliessen, und das ist nichtmals chauvinistisch, sonder bestenfalls dekonstruktiv gemeint. Die neue Hose bei H&M, der Friseurbesuch, die Anti-Wasweißich-Creme aus der Drogerie sind Substitute für ein völlig brach liegendes Selbstbewusstsein, daß sich eigentlich auch viel bequemer mit ein paar Flaschen Bier und einer Fertigpizza aufpeppeln liesse.

Aber nein, der medial geprägte Mann von heute läßt es sich anderweitig gut gehen, zieht quasi mit den Marotten der mondänen Frau gleich. Und in meinem Fall fühlt er sich (respektive ich mich) auch noch gut dabei.

Warum wundere ich mich noch, wenn ich zu hören bekomme, ich sei innen drin ja manchmal doch eine Frau?

Es ist dieser einzigartige Moment, der mich noch immer an meinem Job festhalten läßt. Dieser Moment der absoluten Freiheit, der sich einstellt, wenn man vor einem leeren Dokument sitzt. Auf den Monitor starrt. Die Maus im Anschlag. Die Verpflichtung im Hinterkopf, dieses kleine binäre, ein paar Kilobyte umfassende Etwas mit Farben, Formen, Typographie, mit Vektoren und Pixeln füllen zu müssen.

Das Gehirn dreht sich um sich selbst, die Synapsen glühen vor Anstrengung, der kleine Bereich im Hinterkopf, der für Ideen wie Weltkriege und Liebesbriefe zuständig ist, arbeitet mit maximaler Auslastung, und es herrscht trotz klingelnder Telefone, stampfender Büronachbarn und quitschender Vorzimmerkolleginnen absolute Ruhe im kleinen Mikrokosmos, der sich um den eigenen Schreibtisch mit voller Wucht entfaltet.

Kreativ ist man immer. Irgendwie. Die einzige Variable ist das Ergebnis. Mal offensichtlich zu beeinflusst von bereits existentem Material, zu nah am Plagiat, oft aber auch viel zu eigenständig, um beim Kunden Anklang zu finden. Herausforderung Nummer Zwei: Der Mittelweg ist das Ziel.

Viele Momente später kommt die Maus zum Ruhen, das stoische Klackern der Tastenkürzel verklingt unter angespannten Fingern. Und das Dokument ist gefüllt. Mit Farben, Formen, Typographie, mit Vektoren und Pixeln. Allein dafür lohnt der Job. Leider nicht immer. Aber meistens.

Irgendwann mal den Vergleich ins Leben geworfen:

Verliebtsein fühlt sich an,
wie wenn man sein Herz in eiskaltes Sprudelwasser legt.


Heute fühlt es sich an, wie ein ganzer Kasten Mineralwasser.

Ich sach gezz nix dazu.

Edit: Hier war mal ein kompromittierender Link zu einer Hochzeit unter Meerestieren, der aber der Höflichkeit halber wieder entfernt wurde.

Hochinteressante Feststellung am Freitag Abend:
Bei medial geprägten Mittvierzigern ist das Apple I-Book als Möbelstück und trendy Loungemusikabspielgerät im reduzierten Schöner-Wohnen-Haushalt ebenso Pflicht, wie die (zugegeben offensichtlich dilletantisch gebaute) Tüte nach dem Essen.

Wer hätte das gedacht...

 

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