Anders Peter. Zwei Vornamen. Den Nachnamen schreib ich hier nicht hin, weil wir ja Internezz-Anonymität wahren wollen. Anders Peter, so hieß einer meiner besten Freunde in den ersten drei oder vier Grundschuljahren.

Anders Peter war das Paradebeispiel des Träumers. Er war einer der Jungs, die gerne in der Nase bohrten und dabei an die Decke starrten. Er spielte gerne mit allem, was irgendwie irgendwo rumlag. Vorzugsweise auf dem Tisch, während des Unterrichts. Radiergummis mutierten zu Panzern oder Kriegsschiffen, Pelikan-Füllerpatronen verwandelten sich in Atomraketen und Linieale in Flugzeugträger. (Damals waren solche martialischen Phantastereien bei Jungs normal. Heutzutage wäre das einen kleinen Skandal und mindestens eine Lehrerkonferenz wert.)

Anders Peter, der Träumer. Ich hab anfangs viel Zeit mit ihm verbracht, weil er in meiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnte. Gemeinsame Schulwege. Nachmittags spielten wir öfter zusammen, meistens mit Playmobil oder sonstigem Plastik, und Anders Peter legte sich mit reichlich Phanatsie ins Zeug, was mich öfter aufregte, als mir lieb war. Denn das Playmobil-Piratenschiff war nun mal ein Piratenschiff und kein Lastwagen - ausser für Anders Peter. Für Ihn konnte es gerade das sein, was er sich vorstellte, und das regte mich damals immer ein bisschen auf. Heute, in der Nachbetrachtung einer verklärten Kindheit, beneide ich ihn darum.

Verspielt, den ganzen Tag über. So war Anders Peter. Und ich zuckte fast schon zusammen, als er mich auf dem Heimweg nach der Schule irgendwann mal fragte, ob ich schon mal mit einem Mädchen "gegangen" sei. Das muß in der dritten Klasse gewesen sein. Ich war völlig ahnungslos und entgegnete irgendwas von wegen "Klar, mit Sabine letzte Woche, und?" Ich verstand den Zusammenhang nicht, und nahm die Frage als solche. Er jedoch grinste spöttisch und erklärte sich: "Nein, g e g a n g e n! Im Sinne von miteinander gehen!" Ich verstand immer noch nicht, und als er mir dann erklärte, daß er in Sabine verliebt sei, verstand ich. Was er meinte, und wie doof ich damals war.

Dennoch hatte dieses kurze Aufblitzen eines "Erwachsenenthemas" keinerlei Veränderungen auf Anders Peter. Auf mich schon, denn jetzt wollte ich erst recht mal mit einem Mädchen gehen. Anders Peter stattdessen spielte weiter, und als er eines Tages mit meinem Playmobil-Weltraum-Bohrfahrzeug in seiner Nase rumbohrte, und der graue Plastikbohrer danach so verschmutzt war, daß er sich nicht mehr säuber lies, konnte ich Anders Peter nicht mehr leiden. Nicht daß ich penibel war, aber er hatte eines meiner Lieblingsspielzeuge ruiniert, und das ging nun wirklich nicht.

Kurze Zeit später wechselten wir aufs Gymnasium. Anders Peter war in der Parallelklasse, sogesehen sahen wir uns immer seltener, und das war auch gar nicht schlimm, denn mein Freundeskreis wechselte ziemlich schnell. Interessenskonflikte, die Zeit des Spielens neigte sich dem Ende. In der achten Klasse traf ich ihn dann wieder, im Lateinunterricht. Er saß an der Wand, neben ihm eine Wandtafel. Und er saß alleine, weil sich an seinem Habitus, während es Unterrichts in Phatasiewelten zu leben, anscheinend nie etwas geändert hatte. Und während unsereins damit beschäftigt war, Chips und Süßigkeiten versteckt während es Unterrichts zu verzehren, und den Eindruck zu erwecken, man interessiere sich für Ablative und Locative, malte Anders kleine Kriegsschiffe an die Wandtafel und machte dementsprechende Kampf- und Kriegsgeräusche. Ein Träumer durch und durch.

Rüge, Tadel, Schulverweis. Anders Peter mußte recht schnell die Schule wechseln, wurde nicht mehr versetzt. Seine Phantasien kamen bei den Lehren nicht wirklich gut an, und so was es nur eine Frage der Zeit, bis Anders Peter irgendwann nicht mehr auftauchte. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht, aber ich verwette meine Linke Gehirnhälfte, daß er mittlerweile als hochbezahlter Ingenieur arbeitet, und Sachen erfindet. Oder in der Rüstungsindustrie beschäftigt ist, und dort blaue Raketen baut, die wie Pelikan-Tintenpatronen aussehen. Wer weiß das schon so genau.

Warum ich mich heute an Anders Peter erinnere? Weil seit Jahren schon ihm zu Ehren ein Kalauer durch diese phantasielosen Räumlichkeiten kalauert. Jedesmal, wenn ein Satz auf "anders" endet ("Das geht auch anders!"), werfe ich ein, daß ich mal einen Klassenkameraden hatte, der Anders hieß. Sehr zum Leid meines Umfeldes, das die Wichtigkeit und Richtigkeit dieser Feststellung in keinster Weise nachvollziehen kann. Aber was soll's, ich weiß ja, was gemeint ist.
 

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